Smart Contracts – selbsterfüllende Verträge

Einen Hauch von Science-Fiction hat die Vorstellung: Verträge, die sich selbst ausführen. Menschliche Helfer oder Mittler werden für diese Art von Vereinbarung nicht mehr benötigt. Alles läuft automatisiert. Nicht machbar? Doch! Fast jeder war bereits Teil eines solchen Smart Contracts – am Kaugummi- oder am Geldautomaten. Banken und Versicherungen sehen in den auf Quellcodes basierenden digitalen Verträgen die Zukunft. Wir erklären, was Smart Contracts sind, wie sie funktionieren und warum sie das Zeug haben, Verbraucher zu entlasten.

Was sind Smart Contracts?

Die Idee der Smart Contracts kam in den 90er Jahren auf, wurde seinerzeit aber nie wirklich konsequent umgesetzt. Erst jetzt erkennt man das Potenzial und ist bereit, Milliardenbeträge in die Entwicklung zu investieren. Es geht dabei um Verträge, die in Programmiersprache hinterlegt werden. Nach Abschluss muss sich keiner der beiden Vertragspartner mehr um die Abwicklung kümmern. Das ist Aufgabe des Codes. Er sorgt dafür, dass die Übereinkunft eingehalten wird.

Mit dem Grundgedanken des Smart Contracts dürfte bereits jeder in Berührung gekommen sein. Wirft man zehn Cent in einen Kaugummiautomaten und dreht am Rad, erhält man eine Süßigkeit. Anders als am Kiosk ist an dieser Aktion kein Mensch beteiligt. Das Prinzip dahinter ist eine simple Wenn-Dann-Funktion. Wenn eine passende Münze eingeworfen wird, dann gibt der Automat die Ware frei. Ein zweites, etwas komplizierteres – wenngleich nach wie vor sehr einfach gehaltenes – Beispiel ist der Geldautomat. Wenn man seine Bankkarte einführt und wenn die Geheimzahl korrekt eingegeben wurde und wenn das Guthaben/der Dispo auf dem Konto ausreicht, dann wird der gewählte Betrag ausgezahlt.

Infografik zur Funktionsweise von Smart Contracts

Was können Smart Contracts in Zukunft?

Diese Wenn-Dann-Schleifen lassen sich für beliebige Konstellationen aus allen (Geschäfts-)Bereichen kreieren. Gerade im Finanzsektor ergeben sich unendlich viele Möglichkeiten, Smart Contracts einzusetzen. Dazu werden bereits jetzt dutzende Optionen genannt und teilweise bereits in die Praxis geführt. Wir greifen zwei der Gedankenspiele auf:

  • Das bekannteste Beispiel im Netz ist ein Smart Contract für die Kfz-Versicherung. Der Kunde schließt mit der Assekuranz einen Vertrag ab. Im Auto ist eine Blackbox installiert, die entsprechend der Vertragsbedingungen codiert wurde. Drückt der Kunde jetzt richtig aufs Gas, überholt in Kurven und gefährdet andere, meldet sich die Blackbox mit einem Hinweis am Armaturenbrett: Ihr Versicherungsbeitrag steigt um 20 Prozent. Warum? Weil es im Vertrag so definiert wurde: Wenn der Kunde sich nicht an die Verkehrsregeln und die Vereinbarung hält, dann muss er 20 Prozent mehr bezahlen.
  • Denk- und sicherlich auch machbar sind zudem Smart Contracts für Wertpapiergeschäfte. Der Kunde kauft bei seiner Bank eine Anleihe mit zehnjähriger Laufzeit und einer garantierten Verzinsung von 5,00 Prozent per anno. Ist die Anleihe am Ende des Vertrages mehr wert als 1.000 Euro, erhält der Anleger sein Geld zurück, anderenfalls werden Aktien im Gegenwert ausgezahlt. Diese Eckdaten sind im selbsterfüllenden Vertrag hinterlegt. Wenn der Zinszahlungstermin erreicht ist, dann werden die Zinsen gezahlt. Wenn das Vertragsende erreicht und wenn der Wert 1.100 Euro beträgt, dann werden 1.100 Euro auf das Konto überwiesen.

Schnittstellen erweitern das Smart-Contract-Spektrum

Durch zusätzliche Schnittstellen, die weitere Daten beisteuern, lässt sich das Spektrum der Smart Contracts erweitern. Das gilt unter anderem für den Versandhandel, indem auf die Daten von Lieferdiensten zurückgegriffen wird. Wenn der Kunde bestellt hat und wenn der Händler die Ware ausliefert, dann meldet die Sendungsverfolgung, dass ein Paket auf dem Weg ist, und dann wird die Zahlung freigegeben.

Was hier jetzt relativ einfach dargestellt ist, setzt eine komplexe Programmierung voraus. Nur dann können Smart Contracts auch funktionieren und ohne sogenannten Intermediär – eine zwischengeschaltete Instanz – ihre Aufgabe erfüllen. Da kommen die Technik und die Frage nach der Sicherheit ins Spiel.

Die Blockchain

Für selbsterfüllende Verträge wird die Blockchain-Technologie genutzt. Sie kommt bislang vor allem bei digitalen Währungen wie dem Bitcoin zum Einsatz. Das mag viele erschrecken, weil der Bitcoin keinen allzu guten Ruf hat. Doch die Technik dahinter überzeugt selbst die Finanzbranche.

Blockchain steht frei übersetzt für eine Kette von Blöcken. Jeder dieser Blöcke umfasst eine Transaktion. Entsteht ein neuer Block, wird er nach streng chronologischen Kriterien an die Kette angehängt. Entscheidend ist dabei, dass diese Kette nicht zentral, sondern auf vielen Rechnern gespeichert wird und jeder Teilnehmer bzw. jede Partei Zugriff darauf hat.

Wie eine Blockchain funktioniert und welche Vorteile sie bietet, zeigt unsere Infografik.

Die wichtigsten Begriffe im Zusammenhang mit der Blockchain

  • Transaktionen: In den Blöcken kann jede Art von Transaktion in Codeform gespeichert sein. Die Informationen gleichen dem gesprochenen bzw. geschriebenen Wort. Sie können nicht mehr verändert werden und sind somit jederzeit nachvollziehbar.
  • Parteien: Hierunter versteht man alle Teilnehmer, die zum Beispiel an einem Vertrag innerhalb der Blockchain beteiligt sind.
  • Dezentral: Die Datenbank (das Protokoll), liegt nicht auf einem Server, sondern wird auf viele Rechner verteilt. Niemand hat Besitzrechte an der Blockchain. Vielmehr hat jede Partei die gleichen Zugriffsrechte und Möglichkeiten. Man spricht daher auch von einem neutralen System
  • Transparenz: Die einzelnen Blöcke werden durch sogenannte Miner kontrolliert. Sobald ein Block verifiziert ist, wird er im Netzwerk geteilt und jeder hat Zugriff darauf.

Kontrolle durch „Mining“

Die Kontrolle der Blöcke ist ein wichtiger Faktor der Blockchain. Nur so lassen sich Manipulationen und Fehler ausschließen. Dazu muss man einen genaueren Blick auf die Blöcke werfen. Sie enthalten nicht nur die Transaktion, also einen Vertrag oder eine Zahlung, sondern auch die gesamte Transaktionshistorie der Blockchain. Heißt: Jeder Block ist mit dem vorherigen Block verknüpft und enthält dessen Prüfsumme sowie die Prüfsumme der gesamten Kette. Miner sorgen mit hoher Rechenleistung dafür, dass diese Daten verifiziert und keine doppelten Blöcke erstellt werden. Nach der Verifizierung ist der neue Block Teil der Blockchain.

Private und öffentliche Schlüssel

Da die Blockchain nur digital vorliegt, bedarf es einer Software, um an ihr teilhaben und auf die Daten zugreifen zu können. Bezeichnet wird diese Zugangssoftware als Wallet. Sie alleine reicht noch nicht. Denn die Wallet basiert auf einem Schlüsselpaar. Das ist zum einen der öffentliche und für jeden Teilnehmer sichtbare Schlüssel. Zum anderen braucht es einen privaten Schlüssel, der als Passwort dient. Mit diesem privaten Schlüssel wird jede Transaktion signiert.

Wie sicher sind Blockchain und Smart Contracts?

Der Aufbau der Blockchain und das ihr zugrundeliegende Prinzip sorgen für die nötige Sicherheit. Die Daten sind transparent, dezentral organisiert, nicht veränderbar und können jederzeit von jedem Teilnehmer nachvollzogen werden. Um manipulativ in die Kette und damit auch in Smart Contracts eingreifen zu können, müsste man laut Experten 50 Prozent des gesamten Internets innehaben. Anders als bei Daten, die nur bei der Bank auf dem Server gespeichert sind, haben Hacker also keine Chance, den Beteiligten zu schaden oder sich zu bereichern.

Ein weiteres Kernelement, das auf die nötige Sicherheit zielt, ist der persönliche Schlüssel. Nur mit ihm hat man die entsprechenden Verfügungsrechte. Das wollen sich mehrere Nationen beim Grundbuch zunutze machen. Sie planen, die alten Karteikästen durch eine Blockchain zu ersetzen, um illegalen Enteignungen den Boden zu entziehen. Denn: Weil die Besitzurkunde mit dem persönlichen Schlüssel verbunden ist, kann nur der rechtmäßige Inhaber das Grundstück übertragen.

Welche Probleme bergen Smart Contracts?

Über Smart Contracts lassen sich zwar viele Eventualitäten regeln, aber längst nicht alle. Daraus können sich unter Umständen Probleme ergeben, die dann doch das Eingreifen einer Person bzw. einer dritten Instanz erforderlich machen. Etwa wenn die bestellte Ware defekt ist oder der falsche Artikel geliefert wurde. Garantie- und Gewährleistungsrechte könnten zwar programmiert werden, allerdings dürfte es unmöglich sein, alle Aspekte des gelten Rechts zu berücksichtigen. Denkbar wäre in dem Fall eine Schiedsstelle, deren Entscheidung vom Smart Contract aufgegriffen und ausgeführt wird.

Rechtliche Aspekte der Smart Contracts

Als weiteres Problem gelten die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere für Verträge. Vorformulierte Bedingungen, die bei vielen gleichlautenden Verträgen zum Einsatz kommen, unterliegen strengen Anforderungen gemäß Paragraf 305 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Hier müssen die Verantwortlichen also extrem aufpassen, wie die Verträge formuliert sind.

Auch das Dogma „Code is Law“, wonach Smart Contracts alleine durch den Code rechtlich bindend sind, lässt sich nicht so einfach mit dem deutschen Recht vereinbaren. Kurzum: Maßgeblich ist auch bei Smart Contracts nach wie vor das geschriebene Recht. Es gibt in Vermont zwar Bestrebungen, selbsterfüllende Verträge in das Rechtssystem einzubetten. Hierzulande ist man aber noch weit davon entfernt. Letztlich sind Smart Contracts daher nicht mehr und nicht weniger als Tools bzw. Programme, die einen Vertrag automatisch ausführen.

Welche Vorteile haben Smart Contracts?

Abgesehen davon, dass man sich nach dem Vertragsabschluss um nichts weiter kümmern muss, bieten Smart Contracts vor allem finanzielle Vorteile. Der Smart-Contracts-Report des Digital Transformation Institute (DTI) von Capegemini nannte Ende 2016 erste Prognosen, wie viel Geld Verbraucher durch die neue Art von Verträgen bei Versicherungen und Banken sparen können. Der Report rechnet mit einem Sparpotenzial von bis zu 450 Euro pro Jahr. Alleine in den Bereichen Kranken-, Kfz-, Hausrat- und Reiseversicherungen ließen sich pro Person 40 Euro jährlich sparen, wenn die Effizienzgewinne von weltweit 19 Milliarden Euro nur zur Hälfte an den Kunden weitergegeben würden.

Fazit: Spannende neue Welt

Noch sind Smart Contracts weitgehend Zukunftsmusik. Dass sie bald schon im Alltag Fuß fassen, daran wird fleißig gearbeitet, unter anderem von IBM, J.P. Morgan, Intel und Wells Fargo. Die Industrie- und Servicekonzerne haben die Blockchain als Technik von morgen entdeckt und kooperieren unter dem Dach der Linux-Foundation. Auch Banken und Versicherungen sind am Ball. Die Grundlagen wurden längst geschaffen. Woran es hapert und was dem Durchbruch aktuell noch entgegensteht, sind rechtliche Fragen und nicht zuletzt die Akzeptanz der Verbraucher. Sie davon zu überzeugen, den Aktenordner gegen ein digitales „Etwas“ zu tauschen, wird dauern – dem Report von Capegemini zufolge bis 2020.

Quellen und weiterführende Informationen

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